Saisonstart unserer "Ersten"

Ein Bericht von Evander

Neue Saison, neuer Mannschaftsführer, altes Ziel. Denis hat das Amt von Martin übernommen und die Richtung gleich in der Betreffzeile seiner ersten Mail vorgegeben: „Aufstieg im 3. Anlauf!" Nach zwei Spielzeiten, in denen wir am Aufstieg geschnuppert haben, soll es diesmal endlich klappen. Dazu gibt es mit Alex Billing einen Neuzugang, der beim Saisonfinale in Friedberg noch als Kiebitz dabei war und jetzt direkt an Brett 2 Verantwortung übernahm.

Zum Auftakt ging es zur dritten Mannschaft des SK Kriegshaber ins Zollhaus in der Ulmer Straße. Wir waren so stark aufgestellt wie noch nie und auf dem Papier an allen acht Brettern favorisiert, im Schnitt um gut 100 DWZ-Punkte (1994 gegen 1887). Dass es trotzdem ein enger Tag werden würde, zeigte sich erst im Laufe der Partien.

Die Partien sind ungefähr in der Reihenfolge beschrieben, in der sie beendet wurden. Der Spielstand ist jeweils aus Sicht der Gastgeber angegeben.

Brett 7: Thomas Steiner

Thomas war an diesem Tag gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe. Mit Weiß bekam er gegen Manfred Wiedemann (DWZ 1768) eine normale Stellung, und die Partie endete recht schnell remis. Unter den Umständen ein vernünftiger halber Punkt.

Spielstand: ½ : ½

Brett 5: Hans Kampen

Hans spielte mit Weiß gegen Peter Knipfer (DWZ 1859) einen soliden Aufbau. Es wurde viel abgetauscht, Hans suchte noch nach einer Möglichkeit, Druck zu machen, aber die Stellung gab nichts mehr her. Auch hier ein frühes Remis.

Spielstand: 1 : 1

Brett 6: Zacharias Janowitz

Zacha, letzte Saison mit 5 aus 6 und einem der größten DWZ-Sprünge der Liga einer unserer Garanten, spielte gegen Stefan Singl (DWZ 1839) zunächst solide. Dann übersah er ein Figurenopfer, das für Weiß allerdings selbst fragwürdig war. Es entstand eine schwer einzuschätzende Stellung, Figur gegen mehrere Bauern, in der Zacha vielleicht sogar minimal besser stand. Leicht zu spielen war sie aber für keinen von beiden.

Im folgenden Angriff unterliefen Zacha dann Fehler. Die Stellung war schlecht, aber noch nicht hoffnungslos, bis ein Doppelangriff mit dem Turm ihn eine Figur kostete. Auf diesem Niveau ein klarer Patzer, der leider die Partie entschied.

Spielstand: 2 : 1

Brett 8: Manuel Waibel

Manuel hatte mit Schwarz gegen Darko Stakor (DWZ 1836) eine Stellung gegen einen isolierten Bauern. Der Plan war klar: einen Springer umgruppieren und den Druck auf den Isolani erhöhen. Das gelang nicht ganz, und Manuel wickelte sogar in ein leicht schlechteres Endspiel ab. Sein Gegner war mit einem Remis aber zufrieden und nahm an.

Spielstand: 2½ : 1½

Brett 4: Martin Schönwetter

Martin bekam es mit Schwarz gegen Thomas Städele (DWZ 1850) zu tun. Städele wählte einen aggressiven Aufbau, Martin konterte am Damenflügel, schob seine Bauern vor und brachte einen Turm über die a-Linie ins weiße Lager. Zwischendurch hätte er laut Engine sogar klaren Vorteil haben können.Die Partie mündete in eine wirklich interessante Endstellung, und Martin willigte ins Remis ein, obwohl er hätte weiterspielen können. 

Ob die Stellung mit den richtigen Manövern noch gewinnbar war, ist offen. Rational spricht viel fürs Weiterspielen, denn in so einer Stellung spielt man nur noch auf zwei Ergebnisse: Gewinn oder Remis. Trivial war es aber definitiv nicht, selbst in der Analyse hinterher war es schwer, überhaupt einen klaren Weg zu finden.

Spielstand: 3 : 2

Brett 3: Evander Hammer (eigene Analyse)

Mein Gegner war Tomas Reschka (DWZ 1952). Diesmal stimmten die Rahmenbedingungen: ausgeschlafen und dazu wie gehabt ein Spezi Energy.

Die Eröffnung: Reschka spielte ein Manöver, das in verwandten Stellungen völlig üblich ist, um meinen Läufer zu jagen. Objektiv ist es spielbar, aber es brachte ihn in eine unangenehme Stellung. Ungefähr beim zehnten Zug waren alle meine Figuren entwickelt, bei ihm keine einzige, nur ein Springer stand am Rand. Mein Gefühl am Brett: Das sieht vogelwild aus, das kann nicht gut sein für Schwarz. Erst die spätere Analyse zeigt, dass es objektiv ausgeglichen war, mit präzisem Spiel hätte Schwarz sogar eine angenehme Stellung bekommen können. Aber diese präzisen Züge zu finden, ist eben sehr schwer. Die Partie hat mir wieder gezeigt: Mit Weiß erzwingt man objektiv keinen Vorteil. Aber in Stellungen, in denen natürliche Züge schnell in die Irre führen, macht es am Brett einen riesigen Unterschied, wer sich wohler fühlt, auch wenn die Engine 0,0 anzeigt.

Zeitmanagement, mal wieder: Den Preis dafür zahlte ich mit der Uhr. Nach dem 17. Zug hatte ich nur noch 14 Minuten, Reschka nach dem 14. Zug noch 38. Doch dann ließ er sich mitreißen, dachte ebenfalls lange nach und kam auch auf nur noch 5 Minuten. Ich war in der ganzen Schlussphase bei etwa zwei Minuten, er machte einen Zug mit weniger als 30 Sekunden auf der Uhr.

Die Achterbahn: Ich rochierte lang, öffnete das Zentrum, und sein König ging nach f7. Mehrmals stand ich klar auf Gewinn, mehrmals gab einer von uns beiden den Vorteil wieder her. Dann kam die Schlüsselstellung der Partie:


Weiß am Zug. Nur ein Zug gewinnt. Welcher?

Lösung: 30.Tee1! Der Turm auf e6 steht eigentlich schlecht, denn er versperrt meiner Dame auf b3 die Diagonale Richtung f7. Mit dem Rückzug gebe ich den Turm auf f1 her, aber nach 30...gxf1D 31.Txf1 ist die Diagonale frei, und Dame und Springer werden dem schwarzen König zu gefährlich. Nach 31...The8 32.Sg5+ Kh6 33.Txf4 gewinnt Weiß die Dame.

Am Brett habe ich das nicht gesehen, erst in der Analyse hinterher. Es ist definitiv kein trivialer Zug. Die Lehre für mich: Wenn eine eigene Figur einer anderen im Weg steht, sollte man solche Züge immer berechnen, auch wenn sie Material kosten. Ob man dafür einen Springer oder einen Turm gibt, macht dann gar keinen so großen Unterschied mehr.

Stattdessen spielte ich 30.Tfe1. Dass der Springer auf f3 danach hängt, war mir bewusst, aber mit zwei Minuten auf der Uhr musste ich pragmatisch entscheiden. Nach 30...Dxf3 stand plötzlich Schwarz auf Gewinn, doch nach 31.Dc2 griff Reschka mit 31...Lh6 daneben. Nach 32.d4+, einem Abzugsschach auf der Diagonale c2-h7, Kg7 33.Dg6+ ist es Matt in wenigen Zügen, und Reschka gab auf.

Was ich mitnehme: Aus der Eröffnung kam ich in eine Stellung, in der ich mich deutlich wohler fühlte als mein Gegner. Aber ich habe für die ersten 17 Züge den Großteil meiner Bedenkzeit verbraucht, und in der Schlussphase hätte die Partie in beide Richtungen kippen können. Am Ende hat der Spieler gewonnen, der den vorletzten Fehler gemacht hat. Trotzdem eine sehr schöne Partie, und ein Sieg ist ein Sieg. Der Plan für die nächste Runde ist klar: in der Eröffnung schneller ziehen.

Spielstand: 3 : 3

Brett 1: Denis Wiegner

Denis spielte gegen Maximilian Kling (DWZ 2002) auf eine Idee mit Bauernopfer: einen Bauern geben und dafür Kompensation bekommen. Der Clou: Kling nahm das Opfer nicht an. Denis ließ das Angebot daraufhin einfach stehen und spielte weiter, als wäre es angenommen, über viele Züge hinweg.

Irgendwann schätzte Denis dann etwas falsch ein, und Schwarz gewann tatsächlich einen Bauern. Denis setzte auf aktive Türme und Kompensation, um das Remis zu halten, doch Kling fand ein paar sehr aktive Züge und konnte seinen Mehrbauern verteidigen. Die interessante Frage in solchen Stellungen ist immer: Welches Endspiel bietet die besten Remischancen? Ins Turmendspiel gehen oder nicht? Mit einer robusteren Verteidigung und Endspielen, die leichter zu halten sind, wäre mehr drin gewesen. So verlor Denis am Ende relativ klar.

Spielstand: 4 : 3

Brett 2: Alexander Billing

Damit lag alles auf der letzten Partie des Tages, und Alex lieferte ab. Gegen Matthias Frenkel (DWZ 1992) kam eine Linie aufs Brett, wie man sie von der absoluten Weltspitze kennt: Weiß bekommt einen Mehrbauern, und die Stellung sieht für Weiß zunächst gut aus. Aber Schwarz hat dafür ein sehr starkes Läuferpaar.

Was dann folgte, war eine der besten Partien, die ich je gesehen habe. Alex überspielte seinen Gegner mit Schwarz Zug für Zug und spielte eine nahezu perfekte Partie. Für mich der überzeugendste Auftritt des Tages und ein Einstand, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann. Mit Alex hat die Mannschaft eine echte Verstärkung bekommen.

Endstand: 4 : 4

Anschließend ging es, wie es inzwischen Tradition ist, gemeinsam zum Inder. Wir haben dort alle Partien analysiert und am nächsten Tag beim Training gleich weiter. Die Stimmung war trotz des knappen Ergebnisses gut.


Einordnung

Ein Unentschieden zum Auftakt, mit dem wir als Favorit nicht ganz zufrieden sein können. Kriegshaber III hat gezeigt, dass die Mannschaft deutlich stärker ist, als ihre DWZ-Zahlen vermuten lassen: Sechs von acht Partien endeten remis oder gingen an den Außenseiter. Zwei Siege an den Brettern 2 und 3 haben den Mannschaftspunkt gerettet.

Was mich trotzdem optimistisch stimmt: Wir sind in dieser Saison wirklich eine Mannschaft, unterstützen uns gegenseitig und analysieren unsere Partien gemeinsam. Und mit Alex haben wir einen Neuzugang, der gleich beim ersten Auftritt voll überzeugt hat.


Die Schachanalyse in diesem Bericht stammt von Stockfish 17.1, beim Feinschliff meiner Gedanken hat mir Claude Opus 5.5 geholfen.